Gelobt sei, was süss macht - BUTIQ – Feinwaren
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BUTIQ FEINWAREN

Gelobt sei, was süß macht.

Cédric Pintarelli ist eigentlich Theaterschauspieler, liefert unter seinem Sprüher-Pseudonym Sweet Uno aber auch geladenes Graffiti in nahezu technischer Perfektion. BUTIQ heuerte ihn ob dieser druckvollen Kunst an – und Sweet Uno hinterließ auf 60 Quadratmetern bleibenden Eindruck an den Wänden ihrer Verkaufsfläche.

»Immer frisch bleiben« lautet dein Motto im künstlerischen Sinne. Wie schafft man das?

Ich möchte mich nicht ständig wiederholen. Gewissermaßen ist das ja aber das Prinzip des Graffiti, da ich meine Buchstaben ja immer wieder schreibe. Ich ändere meine Schriftart aber lieber ständig, während manche Künstler aus Sicherheitsgründen stehen bleiben, da sie ihren und einen Stil gefunden haben, der bei anderen gut ankommt. Aber man muss einen frischen Blick behalten und darf sich nicht ausruhen, auf dem was schon funktioniert hat.

Deine Pieces wirken sehr geladen und schwungvoll. Woher der Drang, soviel Dynamik in deine Pieces zu packen?

Das liegt an meiner Technik. Ich male sehr prägnante Linien, verzichte aber auf Effekte. Ich mache eine schwarze klare Outline, lang und dynamisch gezogen, und benutze wenig Farben. Ich möchte Dynamik darstellen. Im Graffiti spricht man auch oft von Swing, von schönem Schwung.

Wenn du zu einem Tag ansetzt, sieht das aus wie ein Schlittschuhläufer der zum Sprung ansetzt. Und wenn du das Tag ausführst, gleicht das einem Tanz.

Wenn ich stehen bleibe während des Malens, bekomme ich den Schwung nicht hin. Dann muss ich anfangen, mit den Beinen zu arbeiten. Viele denken, Sprühen sei Arm-, Hand- und Fingertechnik, aber ich merke immer mehr, dass es Beinarbeit ist. Daher kommen die Dynamik, der Schwung und die Schnelligkeit. Beim schnellen Arbeiten schaltet man auch weniger den Kopf ein. Das ist gut, denn wenn man zuviel gestalten will, entstehen keine frischen Sachen.

Wie erlebst du diesen Moment der Konzentration während eines Tags?

Da ist Kopf aus, nichts mit denken. Das ist volle Konzentration auf das Tagg. Man sieht es den Linien auch an, ob sie konzentriert gezogen wurden oder nicht. Auch die Platzierung macht ganz viel aus. Da darf ich nicht zuviel denken, weil sonst verzock ich’s.

»Wenn man zuviel gestalten will, entstehen keine frischen Sachen«

 

Was sollen die Menschen fühlen, wenn sie zu BUTIQ kommen und dein Werk entdecken?

Ich würde mir wünschen, dass sie stehen bleiben, sich ’nen Kaffee oder ’n Drink bestellen, sich hinsetzen, sich ihre Lieblingsstellen raussuchen und ihrer Fantasie beim Betrachten freien Lauf lassen. Ich mache das auch und sehe dann Sachen wie Scherben, einen zerschliffenen Spiegel oder Marvel-Comic-Elemente darin. Ich wünsche mir, dass die Besucher das Piece auch bei ihrem vierten und fünften Besuch immer wieder neu erfinden.

Wie zufrieden bist du mit dem Piece?

Ganz zufrieden bin ich nie. Ich lass es ein paar Tage in Ruhe und schau es mir dann wieder an. Aber ich glaube, es ist mir gelungen.

Welchen Anspruch hast du denn generell an deine Graffitis?

Sie müssen fertig sein. Sie müssen interessant sein, also vielschichtig und für jeden immer wieder neu interpretierbar sein. Außerdem müssen sie technisch sauber sein und eine gewisse Zeitlosigkeit in sich tragen. Mal-Trends vermeide ich. Ich male immer wieder etwas, was ich noch nicht gemalt habe.

Das muss einem ja auch erstmal gelingen. Wie machst du das?

Es gibt unendlich viele Formen. Jetzt schau ich zum Beispiel auf den Holzboden und entdecke in den Dielen die Astringe. Hab ich noch nie gemalt. Sowas würde in einer reduzierten Schwarz-Weiß-Form bestimmt auch geil aussehen.

»Ich wünsche mir, dass die Besucher das Piece auch bei ihrem vierten und fünften Besuch immer wieder neu erfinden«

Du inspirierst dich also am Alltag?

Ja, non stop. Um mich für das Malen zu inspirieren, schalte ich in einen sensiblen und wachen Modus um. Mein Herd ist zum Beispiel gepunktet, mit einer Verschiebung darin. Das könnte ich so 1:1 übernehmen. (lacht) Manchmal muss man nur klauen. Es wurde eh schon alles gemalt. Es geht nur noch um die Art und Weise.

Dein Graffiti-Name ist Sweet Uno. Wie ist dieses Sweet zu verstehen?

Man sagt ja: Das ist aber sweet. Damit meint man dann die Verkleinerung oder Verniedlichung von etwas. Es kann aber auch heißen: Das ist jetzt wirklich die feine Art. Die Amerikaner sagen zum Beispiel: Thats really sweet! Damit meinen sie, dass etwas sehr fein gemacht ist. Es bezeichnet ein Qualitätsprodukt. Im Soul kommt Sweet auch vor. Da geht es auch nicht um das Verniedlichen, sondern bedeutet soviel wie mein Schatz und dass man jemanden liebt. Aber auch hier kann man wieder viel interpretieren.

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»Graffiti ist die Kunst unserer Generation«

Am legendären Mannheimer Kinder- und Jugendtheater Schnawwl, ist Cédric Pintarelli seit viereinhalb Jahren als Schauspieler und Regisseur in Aktion. Aktuell spielt der 39-Jährige dort im Stück Tschick von Wolfgang Herrndorf. Davor absolvierte er eine Schauspielausbildung und war neun Jahre am Heidelberger Kinder- und Jugendtheater aktiv. Graffiti kreuzte seinen Weg in seiner frühen Jugend in Form eines Magazins. Seither malte er unzählige Graffitis im legalen und halblegalen Bereich. Sein Stil zeichnet sich durch ungeheure Dynamik und Sauberkeit aus. Den Namen »Sweet« (im amerikanischen ein Ausdruck für »gute Arbeit«) gab er sich, um einerseits seinen Qualitätsanspruch zu untermauern, zum andern, um auf seine entspannte Ader hinzuweisen. »Uno« verweist auf Cedrics italienische Wurzeln und wirkt dem Trend entgegen seinen Writer-Namen gänzlich englisch zu halten. Des öfteren wird er auf seine Ähnlichkeit mit Sänger und Rapper Max Herre angesprochen. Cedric lebt heute mit seiner Familie in Heidelberg.

Welchen Stellenwert hat Graffiti denn mittlerweile in unserer Gesellschaft?

Einen ziemlich hohen. Graffiti ist hierzulande 40 bis 50 Jahre alt und viele Menschen sind mittlerweile damit aufgewachsen, es ist Teil ihrer Kultur und eine der größten Kunstbewegungen überhaupt. Graffiti ist die Kunst unserer Generation. Auch hier im Engelhorn gab es ja keine Hindernisse. Alle waren sofort dabei und offen dafür.

Gab es keinerlei Auflagen?

Timo Völker, der Grafiker bei BUTIQ, hat mein Hauswandgemälde im Benjamin Franklin Village in Mannheim gesehen. Und in dieser Art wollten Matthias und Timo es auch in BUTIQ haben. Es sollte aber nur schwarz-weiß sein. Der Stil war für mich dann schon klar. Außerdem wollten die beiden es nicht ganz so wild haben, damit die Leute an der Bar nicht gleich durchdrehen. Dann hab ich etwas reduziert. So hat sich das Bild ergeben.

Und was sehe ich innerhalb dieses Piece?

Ich nenne diesen Stil »Writing without letters«. Graffiti bedeutet ja eigentlich, eigene Schriftarten zu erfinden. Ich zerstückle Buchstaben und setzte sie neu oder nur zum Teil wieder zusammen. Der Maler Paul Klee hat ja auch mal seine eigene Geheimschrift erfunden. Er hat also geschrieben, aber eben anders als man es kennt und für andere nicht lesbar. Und so ist das bei BUTIQ auch: Du siehst ein Piece voller Symbole, Zeichen und Formen, die noch nicht mal ich lesen kann. Dennoch sind sie geschrieben. Der Buchstabe ist immer die Ausgangslage.

Kannst du von deiner Kunst Leben?

Nein. Mein Hauptbrot verdiene ich als Schauspieler. Dadurch muss ich viele Mal-Aufträge und Ausstellungen leider absagen, weil einfach die Zeit nicht da ist. Aber was möglich ist, werde ich auf jeden Fall machen.


Cédric, vielen Dank für Deine Zeit und das Interview.


www.sweetuno.net
Sweet bei Facebook

Datum

September 02, 2015

Kategorie
LIFESTYLE, PEOPLE, STORIES
Tags
design, graffiti, makers, people